Nach ca. 10 Jahren mehr oder weniger aktiver Teilnahme an Internetforen und der Beratung von Junghexen in Foren und Emailkontakten blicke ich auf eine ereignisreiche Zeit mit sehr gemischten Erfahrungen zurück.
Die ersten Fragen der Junghexen, wie sie sich nannten, lösten im Team der meisten Internetforen und bei den regelmäßigen, erfahreneren NutzerInnen gemischte Reaktionen aus. Einige waren einfach genervt. Nun ist es im Internet ja schwer, eine Begrenzung des Nutzungsalters realistisch durchzusetzen, dieses wurde jedoch immer wieder mal (später auch in anderen Foren) diskutiert. Einige von uns begannen, sich auf Ursachenforschung zu begeben. Im Jahr 2001 war der erste Boom der Pro 7 Sendungen wie „Charmed“, „Sabrina- total verhext!“ und „Buffy, im Banne der Dämonen“. Parallel kam ein Comic heraus, w.i.t.c.h.!, das neben der never ending comic story echte Tipps in Bezug auf Kräuterwissen, Orakel und dem Leben als Junghexe gab. Die Grenze von Phantasy zur realen Lebenspraxis war eindeutig überschritten. Die Zeitschrift Mädchen gab damals einen ersten Sonderband zu Halloween heraus, der außer Schminktipps auch ein Interview mit einer „echten Hexe“ enthielt.
Ich habe mich zu der Zeit über die Medien dieser jungen Menschen gründlich informiert, einige Comics gekauft und ein paar Pro 7 Sendungen gesehen. Einiges fand ich einfach blöd, aber ich mochte Buffy. Nicht nur, weil sie im Banne der Dämonen war, sondern weil sie auch im Banne einer dysfunktionalen, also ungesund funktionierenden Familie war. Ich kannte aus eigener Erfahrung ihre Lebenserfahrung mit einer überforderten, allein erziehenden Mutter sehr gut. Mir wurde klar, dass diese Sendungen in einer ganz raffinierten Weise ein typisches pubertäres Lebens- und Leidensgefühl mit dem erwachenden Interesse am Übersinnlichen kombinierte.
Zurück zum Forum: Die Meinung der erfahrenen NutzerInnen war geteilt, sowohl was diese Medien wie die Fragen der jungen Leute anging. Einige versuchten, grundsätzlich mit einem „Dafür seid ihr noch zu jung!“ zu antworten. Parallel zum Forum begann ich meine ersten Brieffreundschaften mit jungen Menschen, die mich für eine erfahrene Hexe hielten, obwohl ich mich selbst nie so genannt hatte. Die Mädchen (es waren überwiegend Mädchen, die wenigen Jungmagier mögen es mir verzeihen) suchten ein erfahrenes älteres Gegenüber für ihre Fragen und Probleme. Ich hatte damals 8 Jahre Erfahrung mit Frauenritualkreisen und Orakeltechniken und ein solides psychologisches Grundwissen.
Die jungen Frauen nannten sich selbst Junghexen, was mich sehr verblüffte. Und sie probierten alles mögliche aus, was sie aus Foren oder Büchern oder Phantasysendungen aufgeschnappt hatten. (Eine versuchte sogar, sich mit einem Küchenwecker in Trance zu versetzen, was ihr gelang, bis sie vom Stuhl kippte!) Für mich war bis dahin der Begriff „Hexe“ viel zu vorbelastet durch die historische Hexenverfolgung. Weder ich noch die Generation meiner Lehrerinnen hätten im Traum daran gedacht, uns so zu nennen. Mir selbst war der Begriff einer Priesterin viel näher.
Nachdem die jungen Leute im Forum nicht locker ließen und nachdem ich in den Briefen merkte, dass kritische Aufklärung dringend notwendig war, begann ich, einen kleinen Vorrat an Texten für die häufig wiederkehrenden Fragen zu schreiben und mir als Vorrat zulegen. Diese verschickte ich zunächst freigiebig per Brief oder Email. Ein Teil dieser Textdatenbank war lange auf meiner Homepage hinterlegt, ein Teil hat Eingang gefunden in meine Bücher. Damals gab es noch nur sehr wenige Bücher. Ich bekam viele positiven Rückmeldungen, was mich zum Weiterschreiben ermutigte.
Parallel dazu entstand bei einigen Nutzerinnen und im Team Ideen, neue Homepages aufzubauen, die sich speziell an Junghexen richtete. In den neuen, nun von überwiegend jungen Leuten benutzten Forum stellten sich bald die bekannten und einige neue Probleme ein: Zum einen tauchten bestimmte Fragen immer wieder auf, dafür konnten die Betreiberinnen der Homepages jedoch auf inzwischen gut gefüllte Archive verweisen. Zum anderen tauchten immer häufiger junge Menschen mit massiven psychischen Problemen auf wie Selbstverletzungsdrang, Selbstmordgedanken und Magersucht. Für diese Probleme im Forum immer wieder eine pädagogisch-psychologisch angemessene Antwort zu finden, war schwer. Teilweise bin ich auf parallele Beratung per Email ausgewichen, um die betroffenen Personen vor der Öffentlichkeit im Forum zu schützen, kam aber selten an die jungen Menschen wirklich ran. Mir blieb nichts anderes übrig, als immer wieder darauf hinzuweisen, dringend eine/n Kinder- und Jugendtherapeuten /in aufzusuchen. Die Anonymität des www ermöglicht es leider nicht, die Eltern anzurufen oder eine benachbarte sozialpsychiatrische Ambulanz zu ermitteln oder gar zu informieren.
In den Foren trat jedoch jetzt öfter ein neues Phänomen auf, dass sich bald vermehrt äußerte. Einige junge Userinnen bekannten sich offen zu satanistischen und schwarzmagischen Praktiken. Dem versuchte ich entschieden entgegenzutreten, da es meinen persönlichen Glaubensauffassungen widersprach und meiner Meinung nach eines der dämlichsten Missverständnisse im Zusammenhang mit Wicca darstellte. Außerdem richten diese neuen Kulte meines Wissens bei den Jugendlichen und in ihrer Umgebung erheblichen Schaden an.
Neben der Tätigkeit in Foren hat sich in den letzten Jahren ein lebhafter Briefverkehr mit Junghexen entwickelt, die einen persönlichen Austausch suchten, ohne alles im Forum öffentlich werden zu lassen. Im Laufe der Jahre entwickelte ich eine brauchbare Struktur für eine Art Fernkurs, der helfen sollte, erstes Wissen und eine erste Orientierung zu vermitteln. So sollte eine Zeit überbrückt werden, bis die jungen Menschen Aufnahme in einen Coven oder Lernkreis vor Ort fanden oder sich klarer wurden, was sie eigentlich wollten und suchten. Einige junge Menschen habe ich in den letzten Jahren nur wenige Wochen oder Monate begleitet, manche zwei bis drei Jahre. Ich hatte auch immer wieder neue Texte für das Archiv oder für neue Buchprojekte geschrieben. Meine Brieffreundinnen wurden gleichzeitig zur besten Quelle der Anregungen beim Schreiben neuer Texte wie der Kritik, wenn sie als Probeleserinnen aktiv waren. Einige Jahre führte ich für den Fernkurs, den ich bei Menschen bis zu 19 Jahren ehrenamtlich durchführe, sogar eine Warteliste.
Im Jahr 2004 habe ich an meinem Wohnort einen konkreten Junghexenlerntreff gegründet, dem sich jetzt ca. 10 Junghexen zugehörig fühlen. Die gemeinsame Arbeit macht uns große Freude. Wir haben uns schon öfter getroffen zum Thema Visualisation, Krafttiere, Trance und Meditation und Einführung in Tarot und Astrologie.
Es war immer wieder sehr schwer, in den Foren einen Spagat zu leisten zwischen Meinungsfreiheit, der Vermittelung von seriösem Wissen über Magie, Wicca, Frauenrituale, und Orakeltechniken und meinem eigenen Anspruch an Aufklärung und pädagogisch-psychologischer Beratung. Inzwischen ist die wachsende Zahl an Junghexen auch als Markt erkannt worden. Den meisten Betreibern von Internetshops, die einfach Bücher, Ritualkleidung, Räucherwerk und Silberschmuck verkaufen wolle, ist es egal, welche Gesinnung die Bücher widerspiegeln und für welche Götter geräuchert wird. Es interessiert nur noch der Verkauf.
Als Buchautorin schwankte ich selbst zwischen dem Wunsch, dass die von mir erarbeiteten Texte gelesen werden und sich das Buch wenigstens so gut verkauft, dass ein zweites gedruckt werden konnte. Inzwischen sind viele Junghexenbücher auf dem Markt. Gleichzeitig ruft die Bewegung ein Heer besorgter Eltern und kirchlicher Sektenberater auf den Plan. Wie lange die Bewegung noch anhalten wird? Ich glaube der Höhepunkt der Bewegung ist überschritten, so dass ich mir erlaubt habe, meine Homepage anzupassen. Einige der Junghexen, die dabei geblieben sind, zählen inzwischen zu den Fortgeschrittenen Anwenderinnen von Orakeltechniken, Magie, Ritualen und Anrufungen.